rote Tassen mit Decaf Kaffee

Warum entkoffeinierter Kaffee in Verruf geriet

Carola von

Der Abend mit Freunden bei gutem Essen war brillant. Zum Dessert kommt die Frage, wer einen Kaffee möchte. Man würde ja gerne. Aber mit Blick auf die fortgeschrittene Uhrzeit und die nur wenige Stunden entfernte Aktivität des Weckers, wird meist dankend abgelehnt. Der Schub Koffein raubt vielen Menschen die Nachtruhe. Und das Angebot, zum entkoffeinierten Kaffee zu greifen, lässt den geneigten Kaffeefreund verächtlich mit den Augen rollen. Wer aus gesundheitlichen Gründen den herzbeschleunigenden Zusatz meidet, verbindet entkoffeinierten Kaffee oft mit einem wenig beglückenden Genuss. Doch woher kommt dieser schlechte Ruf der „Bohne ohne”? Wir machen kurzen Prozess mit dem jahrzehntelangen Mythos und zeigen, was sich geändert hat seit den tatsächlich nicht immer wohlschmeckenden Varianten der ersten Entwicklungsphase.

Entkoffeinierung: der schwierige Spagat zwischen Verfahren und Aroma

Die Geschichte der Entkoffeinierung weist so einiges an üblem Beigeschmack auf, der sich nicht nur sinnbildlich auf die Kaffeebohnen übertragen hat. Oft kamen insbesondere zu Beginn der Verfahrensentwicklung Stoffe zum Einsatz, die nach heutigen Erkenntnissen gesundheitsschädigend und nicht ohne Wirkung auf Aroma und Geschmack waren. Wer die ersten entkoffeinierten Kaffees der 60er- und 70er-Jahre erlebt hat, wird diese Geschmacksverirrung nie vergessen.

Heute jedoch findet sich bei hochwertigem Bohneneinsatz echter Genuss. Die stetige technische Verbesserung der Verfahren und das Beherrschen der Produktionsanlagen bis ins kleinste Detail, machen die Entkoffeinierung sicher und erhalten das Aroma der eingesetzten Kaffeebohnen.

Gute Gründe für Kaffee ohne Kick: Das spricht gegen Koffein

Nackte Fakten vorweg: Der deutsche Gesetzgeber schreibt vor, dass das Wort „entkoffeiniert” nur bei Rohkaffee und Röstkaffee verwendet werden darf, der höchstens ein Gramm Koffein,- also 0,1 %- in einem Kilogramm Kaffeetrockenmasse aufweist. Diese geringe Dosis vermeidet die bekannten Folgen von zu viel Koffein wie:

  • Zittern
  • Herzrasen
  • Schweißausbruch
  • Magenprobleme

Es geht also nicht alleine um das ausbleibende Sandmännchen zu später Stunde, sondern vielmehr darum, bereits bestehende gesundheitliche Handicaps nicht zu verstärken, oder um den Schutz des ungeborenen Kindes in der Schwangerschaft. Mehr als ein bis zwei Tassen Kaffee am Tag setzen dem kleinen Mittrinker nämlich mächtig zu.

Koffein: unsichtbares Geheimnis mit spürbarem Effekt

Optisch gleicht das Koffein kleinen, weißen Wolken. Im Geschmack dagegen erweist sich Koffein als wenig himmlisch, nämlich als extrem bitter. Natürliches Koffein das als Nebenprodukt bei der Entkoffeinierung gewonnen wird, findet vielseitige Verwendung. In der Pharmaindustrie wird Koffein eingesetzt, um die Wirkung von Schmerztabletten zu erhöhen. In der Kosmetikindustrie wird es in Shampoos oder Cremes verwendet, da es den Zellstoffwechsel anregt und sich Hautzellen häufiger erneuern. In der Lebensmittelindustrie wird es Soft-und Energydrinks zugesetzt. Als Nahrungsergänzung wird Koffein von Sportlern eingenommen, um die Widerstandsfähigkeit und das Durchhaltevermögen zu verbessern.

Vorurteile und Mythen – warum entkoffeinierter Kaffee in Verruf geriet

Koffein ist einer von über 1000 Inhaltsstoffen, die der kleinen Bohne Geschmack und Aroma verleihen. Genau diesen einen Stoff zu entfernen und alle anderen zu erhalten – da wird klar, wie knifflig die Lösung ist. Um zu erklären, warum entkoffeinierter Kaffee als schädlich in Verruf geraten ist, gilt es, ein wenig auszuholen. Die Technik der Isolierung des Koffeins und ihre Entwicklung sind dem Kaffee-Fan meist wenig geläufig. Und doch ist es gerade der geschichtliche Werdegang, der den Mythos, dass entkoffeinierter Kaffee ungesund ist, mit verursacht hat. Aber wie klappt das nun mit dem entkoffeinierten Kaffee und was sorgt für die Vorurteile?

  • Erstmals entdeckte 1820 Goethes Freund Friedlieb Ferdinand Runge die Wirkung des Alkaloids Koffein und schaffte die Isolierung aus der Bohne.
  • Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es Ludwid Roselius, mittels Vorquellen in Salzwasser und dem Einsatz von Benzol den noch grünen Kaffeebohnen Koffein zu entziehen. Spätestens hier wird der ein oder andere entsetzt nach Luft schnappen, denn heute wissen wir, das Benzol krebserregend wirkt.
  • Die nächste Entwicklung, das sogenannte Wasser Verfahren, verzichtete auf den Einsatz von Lösungsmitteln und kommt auch heute noch zum Einsatz.
  • Beim direkten Verfahren macht sich der Hersteller nach einem Wasserdampfbad die Hilfe von Lösungsmitteln zunutze – Dichlormethan oder Ethylacetat. Beide Lösungsmittel entziehen dem Rohkaffee selektiv das Koffein, sodass das Aroma erhalten bleibt, wenn der Kaffee geröstet wird. Lösungsmittel haben keinen guten Ruf und sind mit Vorurteilen behaftet. Technisch versiert eingesetzt, sind die Entkoffeinierungsverfahren mit Lösungsmitteln die effizientesten.
  • Bei mit Dichlormethan entkoffeiniertem Kaffee bestand früher die Sorge, er könnte wohlmöglich krebserregend sein, denn in Tierversuchen konnte ein Krebsrisiko nicht ausgeschlossen werden. Für eine Entstehung von Krebs beim Menschen fehlt bis heute aber jeder Nachweis. Doch Vorsicht ist besser als Nachsicht und der Gesetzgeber gibt daher vor, dass das Dichlormethan sorgsam aus dem Produkt entfernt werden muss. Es dürfen im gerösteten Kaffee nur noch minimalste Mengen enthalten sein. Der maximale Gehalt an Dichlormethan in geröstetem Kaffee darf 2 mg/kg nicht überschreiten. Die WHO (World Health Organisation) hat in wissenschaftlichen Studien den Gehalt von Dichlormethan ermittelt, der bedenkenlos ein Leben lang verzehrt werden kann, ohne das es zu gesundheitlichen Einschränkungen kommt. Umgerechnet auf die Menge an entkoffeinierten Kaffee, die getrunken werden darf, wären es 860 L jeden Tag ein Leben lang. Ganz klar: nicht zu schaffen! Deshalb ist entkoffeinierter Kaffee, der mit Dichlormethan entkoffeiniert wurde, kein Problem und wir räumen die Vorurteile „von ungesundem entkoffenierten Kaffee“ hier vom Tisch.
  • Das andere Lösungsmittel, das verwendet wird, ist Ethylacetat. Es wird auch als Essigester oder Essigsäureethylester bezeichnet und kommt als natürlicher Aromabestandteil in Obst und Gemüse vor. Deshalb wird entkoffeinierter Kaffee, der mit Ethylacetat behandelt wurde, manchmal auch als „natürlich entkoffeiniert” bezeichnet.
  • Als vorteilhaft erweist sich das Kohlenstoffdioxidverfahren, das mittels hohen Drucks bis 300 bar das Koffein aus den kleinen Bohnen drückt. Das CO2 Verfahren darf in Europa neben dem Wasser Verfahren für die Herstellung von BIO Kaffees eingesetzt werden.

Fazit: Entkoffeinierter Kaffee? Ja, gerne!

Es gibt heute keinen Grund (mehr), Kaffeebohnen ohne Koffein zu meiden. Beim Kauf sollte man jedoch auf hochwertige Qualität achten, die Aroma, Geschmack und gesundheitlich sorglose Kaffeestunden garantiert. Und wer sich einmal herangewagt hat, wird mit Begeisterung verstehen, warum sich entkoffeinierter Kaffee als neuer Trend zeigt.

  • Alle Entkoffeinierungsverfahren sind heute sicher und die moderne Fertigung hat keinen Einfluss auf Geschmack und Aroma.
  • Die direkten Verfahren der Lösungsmittelextraktion sind viel besser als ihr Ruf.
  • Entkoffeinierter Kaffee wird schonend hergestellt und die Restmenge an Koffein zeigt sich als vernachlässigbar.
  • Für alle Verfahren gilt: Je besser die Bohnenqualität, je sorgfältiger die Bohnen entkoffeiniert und je achtsamer die entkoffeinierten Bohnen geröstet werden, desto mehr gesundes Mmmmmmmh findet sich hinterher in der Tasse.

Das könnte für Sie auch von Interesse sein

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.